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Schule in Finnland


Vorschulzeit, Einschulungsalter

In Finnland werden alle Kinder im Alter von 7 Jahren eingeschult. Trotzdem wird von der Vorschule nicht erwartet, dass die Kinder hier bereits Schreiben und Rechnen lernen. In dem neuen finnischen Curriculum für die vorschulische Erziehung sind z. B. folgende Forderungen enthalten:

  • Es soll die psychische, soziale, kognitive und emotionale Entwicklung der Kinder unterstützt werden.
  • Wichtig ist, ein gesundes Selbstvertrauen aufzubauen und soziale Kontakte zu fördern.
  • Die Erfahrungswelt der Kinder soll bereichert werden und sie sollen darin unterstützt werden, neue Interessengebiete zu erkunden.

Siehe hierzu:

National Board of Education: Core Curriculum for Pre-School Education in Finland, Helsinki 2000

In Finnischen Krippen und Kitas sind die Gruppen sehr viel kleiner als in Deutschland. In Finnland ist durch Gesetzt geregelt, dass z. B. bei den unter 3-Jährigen eine Erzieherin höchstens 4 anwesende Kinder betreuen darf. Siehe hierzu: "Aus dem finnischen Gesetz, das die Zahl der Kinder pro Erzieher in Krippen und Kindergärten regelt", pdf-Datei, 29K, eine Seite

Die guten PISA-Ergebnisse der finnischen 15-Jährigen

Bei PISA haben die finnischen 15-Jährigen sehr gut abgeschnitten, obwohl sie die Schule 1 bis 2 Jahre kürzer besucht haben, als die meisten anderen PISA-Teilnehmer. Die guten Testergebnisse der Finnen könnten folgende Ursachen haben:

  • Die Kinder sind, wenn sie in die Schule kommen, älter und damit eher bereit, sich über einen längeren Zeitraum hinweg konzentriert mit einem Thema zu befassen, auch wenn das Thema nicht 100-prozentig die eigenen Interessen abdeckt (siehe hierzu auch den Abschnitt "Langfristig nachteilige Folgen einer frühen Einschulung").
  • Die professionelle und permanent präsente Förderung von Problemschülern macht das Schulsystem sehr effektiv, weil Kinder nicht jahrelang an Unterricht teilnehmen müssen, von dem sie nicht profitieren (siehe unten die "Förderung von Leistungsschwachen").
  • Die fachlichen Anforderungen sind in Finnland niedriger als in Deutschland (siehe unten "Rahmenpläne").

Arbeitsteilung in der Schule

In finnischen Schulen herrscht Arbeitsteilung, anstelle der in Deutschland üblichen maßlosen Überforderung der Lehrerkräfte mit Aufgaben:

Die sprachliche Qualifizierung von Schülern mit Migrationshintergrund übernehmen Spezialisten, die dafür besonders ausgebildet wurden. So werden Kinder effektiv gefördert und Lehrer nicht überfordert. "Jedes Kind ausländischer Muttersprache bekommt eine der beiden Landessprachen beigebracht, ehe es in einer normalen Klasse sitzen darf. Es gibt nirgends Schüler, denen die Lehrkraft ein Übermaß an Zeit und Kraft widmen muss, weil sie dem Unterricht aus sprachlichen Gründen nicht folgen können (Freymann 2002).

"Finnische Lehrerinnen und Lehrer verstehen sich als Fachleute für Unterricht und nicht als Therapeuten", denn für therapeutische Aufgaben stehen ihnen Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen zur Seite (Freymann 2003).

Schulpersonal

Zum Personal einer jeden Schule gehören nicht nur Schulleitung, Klassenlehrer und Fachlehrkräfte. "Die nachstehend genannten Spezialisten müssen mindestens einen Tag wöchentlich in der Schule präsent sein, und sei sie noch so klein. In großen Schulen sind sie täglich anwesend:

  1. Eine Schulschwester. Sie ist ihrer Grundausbildung nach Krankenschwester, hat aber eine Zusatzausbildung für vorbeugende Gesundheitsarbeit. Sie führt u.a. die Gesundheitsakte eines jeden Kindes.
  2. Eine Kuratorin. Sie hat eine sozialpädagogische Ausbildung und ist für alle Probleme zuständig, die sozialer Natur sind. Gibt es z. B. in einer Klasse Konflikte zwischen zwei Cliquen, schickt die Klassenlehrerin die Betreffenden zur Kuratorin, deren Kompetenz u.a. gruppentherapeutische Methoden umfasst. Auch bei Schwierigkeiten mit dem Elternhaus ist es die Kuratorin, nicht die Lehrkraft, die Kontakt aufnimmt.
  3. Eine Psychologin. Sie ist für Probleme zuständig, die nicht soziale, sondern individuelle Gründe haben. Oft gehen Kinder von sich aus zu ihr, nicht auf Grund einer Überweisung durch die Klassenlehrerin. Ein unter Schweigepflicht stehender verständnisvoller Erwachsener, mit dem man über seine Probleme einfach reden kann, ist für viele Kinder und Jugendliche ungeheuer wichtig, besonders in der Pubertät.
  4. Eine Speziallehrerin. Sie hat zuerst die Ausbildung zur Klassenlehrerin und danach mindestens zwei Jahre Schulpraxis durchlaufen. Dann hat sie ein Jahr an der Universität verbracht. In einem intensiven Lehrgang werden ihr die psychologischen Grundlagen, die diagnostische Kompetenz und eine differenzierte Methodenpalette des Förderns vermittelt. Ihre Aufgabe besteht darin, für die Schwachen unter den Schüler zu sorgen. Wenn ein Kind im Klassenunterricht nicht richtig mitkommt, wird sie erst einmal in die Klasse gerufen, beobachtet, was da abläuft, und berät die Klassenlehrerin. Ggf. übernimmt sie dann das Kind für bestimmte Stunden und gibt ihm gezielten Einzelunterricht oder Kleingruppenunterricht in den Inhalten bzw. Verfahren, die es nicht bewältigt. Heute erhalten 16-17% aller finnischen Schüler im Laufe eines Schuljahres für kürzere oder längere Zeit Hilfe von einer Speziallehrerin.
  5. Assistenten: In Schulen mit größeren Lerngruppen gibt es eine unbestimmte Anzahl von Assistenten, die keine Ausbildung haben und auf Stundenbasis arbeiten. Das können z. B. Abiturienten sein, die auf einen Studienplatz warten. Sie arbeiten nicht eigenverantwortlich und sind kein Ersatz für eine fehlende Speziallehrerin, dennoch aber eine große Entlastung für die Klassen- oder Fachlehrerin.
  6. Küchenpersonal. In jeder Schule gibt es eine Küche und einen Speisesaal. Die Kinder bekommen täglich eine volle Mahlzeit (das ist alte Tradition, die sich aus der Länge der ländlichen Schulwege erklärt)." (Freymann 2003)

Förderung von Leistungsschwachen

"Der Kernpunkt des finnischen Erfolges liegt in der Förderung der schwachen Schüler, und ihretwegen vor allem gibt es die Speziallehrerinnen und Psychologen. Gelingt es nicht, Lernprobleme mit einer beschränkten Zahl von Stunden bei der Speziallehrerin zu beheben, schreibt das Gesetz vor, dass die Spezialkonferenz sich des Falles annimmt. Diese tagt einmal monatlich und besteht aus der Schulleitung, der Klassenlehrerin, ggf. der Fachlehrerin, allen oben unter 1.-4. genannten Mitgliedern des Kollegiums sowie dem Schularzt. Zunächst ist zu klären, ob den Lernproblemen des Kindes gesundheitliche Störungen zugrunde liegen. Ist das Kind nicht krank, sucht die Konferenz weiter nach den Ursachen seiner Lernprobleme und entwirft einen Plan, wie ihm zu helfen sei. Nach vier Wochen steht der Fall erneut auf der Tagesordnung. Die Frage heißt: Haben die Maßnahmen gegriffen? Wenn nicht: Wie soll es weitergehen? Eine Möglichkeit ist z.B., dass für dieses Kind ein eigener Lehrplan erstellt wird. Kooperation der Eltern ist dringend erwünscht. Verweigern sie diese, muss die Schule ohne die Unterstützung durch die Eltern auskommen. Auf keinen Fall darf die Schule das Kind im Stich lassen, wenn sich die Eltern uneinsichtig zeigen." (Freymann 2003)

Siehe hierzu:

Thelma von Freymann (2002): "Was folgt aus PISA?" Aus: Gymnasium in Niedersachsen, Nr. 2
http://www.finland.de/dfgnrw/dfg043a-pisa05.htm

Thelma von Freymann (2003): "Das Geheimnis der Finnen", in: AHAes, Zeitschrift des Pädagogisches Institut des Bundes in Oberösterreich, Nr. 6
http://www0.eduhi.at/verein/kreidekreis/zitiert/zitiert-0303/20030316Finnland.htm

Rahmenpläne

Die Rahmenpläne für den Unterricht werden auf Gemeindeebene festgelegt. Während in Deutschland durch Lehrpläne und KMK-Vereinbarungen eine große Stofffülle verpflichtend vorgegeben ist, haben finnische Schulen sehr viel mehr Spielraum. Vom Unterrichtsministerium in Helsinki wurden bis 2004 nur allgemeine Vorgaben für Lernziele gemacht.

Siehe hierzu z. B.: Rahmenrichtlinien für finnische Gymnasien, gültig in den Jahren 1996 bis 2004, in der Region Säkylä, pdf-Datei, 97K, 17 Seiten Text

Betrachtet man die deutsche Physik-EPA einerseits und daneben den Physik-Pflichtstoff, den das schulinterne Curriculum eines finnischen Gymnasiums enthält, so wird deutlich, dass in deutschen Gymnasien ein sehr viel umfangreicheres und anspruchsvolleres Pensum bewältigt werden muss als in finnischen Gymnasien. Deshalb haben die Schüler in Finnland eher die Gelegenheit, Unterrichtsstoff selbstständig anzuwenden.

Siehe hierzu:

Physik-Pflichtstoff eines finnischen Gymnasiums – versus – Deutsche Physik-EPA, pdf-Datei, 77K, 2 Seiten

Seit 2004 gibt es in Finnland neue Rahmenpläne. Durch diese neuen Rahmenpläne werden konkretere Vorgaben für den Unterricht gemacht als bisher. Im Vergleich zu den deutschen Gymnasien müssen finnische Gymnasien allerdings nach wie vor erheblich weniger Pflichtstoff abarbeiten.

Die neuen, seit 2004 gültigen Rahmenpläne in Finnland: http://www.edu.fi/page.asp?path=498,1329,1513,12128,12855

Zentral gestellte Tests und Prüfungen

Bis zum Ende der Pflichtschulzeit gibt es in Finnland keine zentralgestellten Prüfungsaufgaben oder Vergleichsarbeiten. Das Zentralinstitut für Unterrichtswesen hat aber für viele Klassenstufen Tests entwickelt, die freiwillig zur Diagnose eingesetzt werden können.

Das finnische Abitur, dass in der Regel nach 3 Jahren Aufenthalt am Gymnasium (d. h. am Ende der 12 Klasse) abgelegt wird, besteht aus mündlichen Prüfungen (z. B. im Sprachlabor) und aus zentral-gestellten, schriftlichen Aufgaben.

Allerdings ist die reglementierende Wirkung, die vom Zentralabitur in Finnland ausgeht, vergleichsweise gering, denn im Abitur steht ein breites Angebot an Aufgaben zur Wahl. Außerdem hat man in Finnland die Möglichkeit, Prüfungen, die man bereits bestanden hat, zu wiederholen. Ferner wird die Zulassung zum Studium an allen finnischen Universitäten durch eigene Aufnahmetests und Vorstellungsgespräche geregelt, was die Bedeutung des Abiturzeugnisses zusätzlich mindert.

Siehe hierzu:

"Abitur in Finnland", pdf-Datei, 66K, 3 Seiten